Spider-Man: Brand New Day – Kritik: Schwer wiegt das Haupt, das die Maske trägt

Spider-Man: Brand New Day gewährt uns einen tiefgehenden Blick hinter die Maske. Es ist der emotionalste Teil der Reihe, der dadurch jedoch andere Aspekte etwas aus dem Blick verliert.

Wenige Jahre ist es her, dass Peter Parker gezwungen war, aus dem Gedächtnis der Welt zu entschwinden. Seine Geliebte MJ (Zendaya) und sein bester Freund Ned (Jacob Batalon) erinnern sich nicht mehr an ihn. Ihr Leben geht ohne ihn weiter, gemeinsame Pläne müssen allein bestritten werden. Peter jedoch bleibt der Maske und der Verbrechensbekämpfung treu.

Der Titel des nunmehr vierten Teils mit Tom Holland verspricht einen brandneuen Tag. Das klingt nach Umbruch und starken Veränderungen, die löst der Film aber nur bedingt ein. Vielmehr ist der Fokus auf Spider-Mans Verbindungen zur Vergangenheit gelegt. Die Verbrechensbekämpfung bestimmt seinen Alltag, doch immer wieder streifen MJ und Ned seine Wege. Es sind einseitig schmerzhafte Begegnungen. Es geht um den Wunsch, wieder der zu sein, der er einmal war. Befreit von den Lastern und der Verantwortung, die aus jener großen Macht entstehen.

Auf seinem Weg hat Peter neue Bekanntschaften gemacht. Viele davon bleiben oberflächlich, weil die schützende Maske gar nicht mehr Tiefe zulassen kann. Der Film nutzt viele dramatische Elemente, setzt beispielsweise die Filmmusik aus und gibt den Charakteren und deren Dialogen Raum. Gleichzeitig ist Spider-Man: Brand New Day aber auch ein hochgetakteter Actionfilm. Nie waren die Flüge und Kämpfe von Spider-Man so hochstilisiert. In epischen Zeitlupen fliegt er durch seine Stadt und auch wir Zuschauer werden durch POV-Aufnahmen durch die Hochhausschluchten gezogen. Der Film arbeitet mit einer immensen Nähe zu seinem Protagonisten. Wir sind Spider-Man, denn er kämpft für uns. Das macht der Film durch die starke Einbeziehung der Zivilbevölkerung immerzu deutlich. Nachdem die Fantastic Four in ihrem Solofilm einer Anfeindung ausgesetzt waren, zehrt Spider-Man von der Liebe und Unterstützung, die er von außen erhält.

Dieses Motiv zieht sich durch etliche Ebenen bis hin zur Gegenseite. Diese manifestiert sich eine lange Zeit nicht als klassischer Antagonist, sondern schlüpft in die Körper der teils unschuldigen Bevölkerung. Spider-Man gleicht somit über weite Strecken fast schon dem Marvelhelden Hulk (Mark Ruffalo), der passenderweise auch auftaucht. Er bleibt fast unverwundbar und leidet hauptsächlich durch die Schäden, die er bei anderen hinterlässt. Das große Böse bleibt somit lange ungewiss. Später wird es sich als eine Art Antithese zu Spider-Mans Originstory herausstellen. Auf weitere Details soll an der Stelle aus Spoilergründen verzichtet werden. Die Entscheidungen führen jedoch dazu, dass die Gegenseite zu selten zu sehen ist. Dann wirkt die finale Auseinandersetzung und deren Übereinkunft zu hastig.

Spider-Man: Brand New Day ist der einfühlsamste und charakterstärkste Teil der Reihe. Wenn wir in einer Szene Spider-Mans Flug unter der Maske erleben, wird die Ausrichtung des Films besonders visualisiert. Er ist eine Introspektive hinter die Maske, hin zu Peter Parker. Oneliner gibt es bei einem Tom-Holland-Spidey selbstredend immer noch etliche, aber erstmals genau so viele ruhige Momente, welche die Action ausbremsen. Brand New Day ist ein bittersüßes Actionkinoerlebnis, das uns den Helden endlich wieder nahbar macht. Er führt uns erwünschte Hollywood-Leichtigkeit vor, um sie direkt crashen zu lassen. Die Nähe zum Helden bedeutet jedoch auch, dass vor allem die Kampfgegner verheizt werden und kaum Bedeutung haben. Sie stehen und fallen für Spider-Man. So wie wir.

© Marvel
80/100
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Nils Zehnder
Nils Zehnder

Nils studiert Medien- und Kommunikationswissenschaft. Er schreibt seit Jahren freiberuflich über Filme und Serien und betreibt seit 2023 Filmkritik.net

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