Marty Supreme – Kritik: Siegen um jeden Preis

Der Sieg ist zum Greifen nah – Timothees und Martys. Der neue Film von Josh Safdie erzählt vom grenzenlosen Drang des Triumphs und dem zugrundeliegenden Preis.

Wir lernen Marty Mauser als charismatischen Schuhverkäufer widerwillens kennen. Sein Traum, der beste Tischtennis-Spieler der Welt zu werden, steht ohnehin unmittelbar bevor. Von da an donnern Absurditäten auf uns ein, die seinen gleichermaßen schwermütigen wie auch leichtfüßigen Weg an die Spitze skizzieren.

Marty scheint von jeglichen gesellschaftlichen Konventionen entfremdet zu sein. Immer von seinem Ziel geleitet, zu siegen. Andere Tennisspieler, Männer wie Frauen, zu besiegen. Auf seinem destruktiven Weg wird dem Geld eine auffallende Rolle zu Teil. Einerseits ist es für ihn lediglich Mittel zum Zweck, andererseits wird es zur Ursache seines Kampfes. Marty ist von Kapitalgebern abhängig, macht sich deren gefügig und entzieht sich dann doch auf seine eigenwillige Art deren Kontrolle. Die Inszenierung von Josh Safdie kommt dabei dem Gaffen eines schwerwiegenden Unfalls gleich. Es wird eine Sogwirkung erzeugt, derer man sich immer wieder (vergeblich) zu entziehen versucht.

Die familiäre Situation, insbesondere das unterkühlt-manipulative Verhältnis zu seiner Mutter werden thematisiert, bleiben aber schemenhaft. Aus dieser fehlenden Einsicht schöpft der Film jedoch die Stärke, dadurch keine Legitimation zu erzwingen. Auch (oder vor allem) im Intrinsischen lodert ein Schwelbrand, der sowohl Antrieb als auch Blockade seiner Schaffenskraft ist.

Marty Supreme orientiert sich lose am Leben von Marty Reisman, ist aber kein direktes Biopic. Der Fokus liegt auf den charakterlichen Eigenheiten von Marty und dessen Begegnungen. Vor allem sein Verhältnis zu und mit Frauen rahmt die Geschichte. Dadurch gehen einzelne Aspekte und Randfiguren unter. Wir sehen zwar, wie Marty seine Gefallen einfordert, danach scheinen die Figuren aber ins Nichts zu entschwinden. Sie verblassen vor dem Hintergrund wie die weißen Tischtennisbälle. Marty lässt sie kostspielig in strahlendes Orange umfärben, zum Einsatz werden sie aber nie kommen. Eine Ausnahme stellt die von Gwyneth Paltrow gespielte Schauspielerin Kay Stone dar. In der zweiten Blüte ihrer Karriere kann sich Marty in ihr wiederfinden und sie zugleich für sein Machtspiel instrumentalisieren.

Timothée Chalamet geht vollends in der Rolle auf. Sein Schauspiel scheint ein neues Level erreicht zu haben mit neuen, emotionaleren Facetten, die vor allem im Finale eine melancholische Komponente schaffen. Marty Supreme wäre ohne ihn kaum vorstellbar und manifestiert gleichzeitig seinen energischen Siegeszug um die wichtigsten Filmpreise Hollywoods.

© Tobis Film
85/100
Total Score
Nils Zehnder
Nils Zehnder

Nils studiert Medien- und Kommunikationswissenschaft. Er schreibt seit Jahren freiberuflich über Filme und Serien und betreibt seit 2023 Filmkritik.net

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