Ink – Kritik: Danny Boyles Thriller über das Ende der News

Der Journalismus sieht sich dieser Tage mit einer Identitäts- und Bedeutungskrise konfrontiert. Die Zeitungsabsätze sinken seit Jahren und online gilt es, gegen Gratiskultur, Clickbait und meinungsbildende Persönlichkeiten auf Social Media anzukämpfen. Mit Ink zeichnet Danny Boyle nun eine Phase des Journalismus nach, die bis heute prägend ist.

Ink setzt im Jahr 1969 an. Rupert Murdoch (Guy Pearce) sitzt gemeinsam mit dem ehemaligen The Mirror-Journalisten Larry Lamb (Jack O’Connell) beim Dinner. Er hat gerade die belächelte The Sun aufgekauft und will Lamb als Chefredakteur anheuern, um die Zeitung auf Erfolg zu trimmen. 

Ein attraktives Gehalt und ein Jaguar später stellt Lamb eine neue Redaktion zusammen. Sonderlich innovativ wird es zu Beginn jedoch nicht. Vieles, einschließlich des Logos, ist von The Mirror kopiert. Große Erfolge kann die Zeitung erst einfahren, als sie sich stärker abgrenzt. Klassische Themen machen Platz für bürgernahe Inhalte. Inklusive Freizügigkeit, Horoskopen, Gewinnen und Fernsehinhalten.

Die Zeitung The Sun schafft Neues, indem sie Unversuchtes aufgreift und gesellschaftliche wie journalistische Tabus aufbricht. Innerhalb eines Jahres wächst das Boulevardblatt zur meistverkauften Zeitung an. Danny Boyle macht daraus (vor allem in der ersten Hälfte) eine rasant getaktete Underdog-Story. Seine gewohnt experimentelle und stilistisch noch weiter geschärfte Inszenierung wird von einem treibenden Soundtrack unterlegt.

Er portraitiert einen Aufstieg, so euphorisch und schnell, dass die Kehrseite unvermeidbar scheint. Boyle präsentiert jedoch nicht den Zerfall der Zeitung und ihres Konzepts (schließlich ist sie bis heute erfolgreich), sondern den Preis, den der Erfolg des Blattes kostet. Er zeichnet sich in den immer kritischeren Gegenstimmen und sich abwendenden Kollegen aus. Viel mehr noch in einem Protagonisten, der für Erfolg und Rache seine Prinzipien aufgibt. 

Dieser Protagonist ist der Chefredakteur Larry Lamb. Sein Aufstieg und innerer Zerfall rahmen den zuweilen stark actiongeladenen Film. Die Mischung aus Drama und Thriller zeigt Journalismus mit einer einzigartigen Dynamik. Wobei Verlagswesen es wohl besser trifft. Das journalistische Arbeiten, die Schaffung der Inhalte, kann nur am Bildrand erahnt werden.

Rupert Murdoch ist hingegen eine ambivalente Nebenfigur. Seine spätere politische Einflussnahme und der radikale Expansionskurs bleiben nur schemenhaft. Als Inhaber der Zeitung tritt er Lamb beratend zur Seite und lässt ihm viele Freiheiten. Die zentralen Konzepte und Kontroversen stammen von Lamb und seiner Redaktion. Murdoch selbst wird dadurch zwar nicht zum Helden der Geschichte erhoben und doch zeigt uns Boyle eine (verhältnismäßig) rationale, gar beschützende Seite. Ganz anders, als beispielsweise die von ihm inspirierte Figur aus Succession.

Ink ist einer der spannendsten Filme, die sich dem Journalismus widmen. Er macht auf äußerst unterhaltsame Weise greifbar, wie es zum Paradigmenwechsel des Journalismus kommen konnte. Er lässt uns hinter die Fassaden eines neuen, experimentellen Imperiums blicken. Die Frage der Moral und Verantwortung bei einer wachsenden Nachfrage verhandelt der Film ausgiebig. Boyle blickt dabei jedoch nur ins Gebäude und nicht in die Figuren. Ihr Handeln wirkt zu abgezirkelt, einem Plan folgend. Das hoch angesetzte Tempo erzeugt eine Sogwirkung, die jedoch nötige Verschnaufpausen vermissen lässt, die bei einer wahren Erzählung wichtig sind. Ink ist eine unglaublich unterhaltsame Nahaufnahme, die sich jedoch dem Gesamtbild verschließt.

Ink wurde im Rahmen des Filmfestivals in Venedig gesichtet. In Deutschland startet der Film ab dem 25. Februar 2027 in den Kinos.

© Studiocanal
80/100
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Nils Zehnder
Nils Zehnder

Nils studiert Medien- und Kommunikationswissenschaft. Er schreibt seit Jahren freiberuflich über Filme und Serien und betreibt seit 2023 Filmkritik.net

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