Ein Meer, so gewaltig, es könnte gottgleich sein. Wassermassen erstrecken sich über den gesamten Horizont. Ganze Schiffe werden in den Fluten niedergerissen und doch bleibt die Wirkmacht dahinter unsichtbar. Christopher Nolan hat sich jüngst Homers Odyssee gewidmet. Die, wie er selbst anmerkt, wohl älteste nichtlineare Erzählung der Geschichte. Obwohl hier die Wirrungen des Mindgamekinos vorgeschrieben wären, reduziert Nolan sie auf ein Minimum. Wie kommt es dazu?
Die Irrfahrt des Odysseus (Matt Damon) ist von den Göttern der griechischen Antike geprägt. Zeus, Poseidon und Hermes wirken nicht allein durch ihre Taten, sie treten auch in Erscheinung. Nolan verzichtet weitestgehend auf ihre Personifikation. Während die Monster in physischer Gestalt auftauchen, leben die Götter im Glauben, im Misstrauen und in den Erinnerungen.
Odysseus wird dadurch verstärkt in die Verantwortung seiner Taten genommen. Die Wut der Götter zeigt sich durch Unwetter und unglückliche Reiserouten, sie lässt sich jedoch auch als reines Schicksal lesen. Ob hier tatsächlich Götter im Spiel sind, bleibt offen. Athena (Zendaya) stellt eine Ausnahme dar. Sie wird personifiziert, jedoch als Erinnerung und Verkörperung der Nadel, die Odysseus seit der Abreise an sich trägt. Im Gespräch mit dem Time Magazine erzählt Nolan, dass es ursprünglich geplant war, beispielsweise Zeus als blitzwerfende Instanz zu casten. Er habe jedoch der Immersion und Bilder wegen darauf verzichtet.
Die schicksalhaften Monsterbegegnungen bleiben hingegen auch bei Nolan zentral. Sie sind die Fixpunkte des monumentalen Bildwerkes. Im Vergleich werden sie jedoch moralisch eindeutiger. Polyphem ist beispielsweise weiterhin ein Menschenfresser und wird in einer eindrucksvollen Horrorsequenz eingeführt. Odysseus’ Mannschaft erscheint jedoch zunehmend als bewaffnete Eindringlinge, die Zeus’ Gastrecht vorschieben, während sich der Antagonist als ein in die Enge getriebener Hirte herausstellt.
Die Zauberin Kirke erfährt eine Modernisierung. Bei Homer kann Odysseus sie nur durch ein Zauberkraut bezwingen, das er von Hermes erhalten hat. Sowohl der Gott als auch das Mittel fehlen, stattdessen setzt er seinen Intellekt ein. Dabei wird ihre verängstigte Perspektive deutlich, wobei sie Odysseus mit den barbarischen Taten konfrontiert. Im ursprünglichen Epos fehlt dieser Teil und es endet stattdessen mit der sexuellen Unterwerfung der bis dahin autonomen Frau.
Nolan verzichtet auf die Unmittelbarkeit der Götter. Sein Fokus liegt auf der Zweifelhaftigkeit von Odysseus’ kriegerischen Taten. Die Visualisierung der Götter würde neue Antagonisten geschaffen, die den moralischen Fokus verschoben hätten.
Ein Ende des Irrens
Homer lässt Odysseus selbst von seiner Reise berichten. Die Unzuverlässigkeit des Erzählers ist grundlegend. Identitäten werden erfunden und Details verändert, stets den eigenen Vorteil ausbauend. Odysseus ist ein listreicher Mann. Doch gerade Nolan verzichtet auf die epistemische Unsicherheit. Dabei haben seine früheren Werke wie Memento oder Inception gerade dieses Infragestellen zum Hauptaspekt gemacht.
Nolan setzt stattdessen mit der Kamera eine Instanz ein. Die Reise wird unmittelbar erfahrbar, von den Zweifeln gelöst. Durch unterschiedliche Darstellungen derselben Momente hätte Nolan Zweifel säen können, doch sein Bild manifestiert die Richtigkeit der Ereignisse. Sie sind so Geschehen.
Dadurch verlässt Christopher Nolan, wie schon zuletzt bei Oppenheimer, den Pfad des Mindgame-Kinos. Zwar nutzt er die nichtlineare Struktur des Epos, er arbeitet jedoch dessen Zugänglichkeit stark heraus. Im Mittelpunkt seiner neusten Geschichten stehen die moralischen Laster der geläuterten Charaktere. Es sind Figuren, die ihren Weg zurückfinden müssen. Auch wenn es ein zuvor nicht mehr geben kann.
Christopher Nolan hat mit Die Odyssee eine säkularisierte Welt von Homer auf die Leinwand gebracht. Die Götter geraten in den Hintergrund, doch das Bedürfnis nach einer höheren Instanz bleibt ein tragendes Element. Dazu braucht Nolan keine Manifestation eines übernatürlichen Wesens, er verschiebt es auf die Technik. Regisseur, Kamera und das IMAX-Bild lassen den Mythos zur Wirklichkeit werden. Die auktoriale Kamera überblickt den Raum, der Sound nimmt Gefahren vorweg und das übergroße Bild schafft monumentale Monster.
Die Götter sind da, aber längst woanders.

