Der Astronaut – Kritik: Viel Hoffnung im leeren Raum

Science-Fiction erzählt nahezu zwanghaft vom Ende der Menschheit. Der Astronaut folgt dem gleichen Muster, nutzt es jedoch, um daraus eine Menge Hoffnung zu schöpfen.

Drei Romane schrieb Andy Weir bislang. Sein Erstlingswerk Der Marsianer wurde direkt von Ridley Scott für die Leinwand adaptiert. Zu seinem zweiten Roman Artemis steht die Verfilmung noch aus (ebenfalls wie hier von Phil Lord und Christopher Miller). Sein neustes Sci-Fi-Projekt Project Hail Mary, oder im Deutschen Der Astronaut, landet diese Woche in den Kinos und dürfte sich direkt zum Klassiker des Genres erheben.

Ryland Grace (Ryan Gosling) wacht aus einem langen Koma auf. Nicht im Krankenhaus, sondern auf einem Raumschiff. Wie er da hingekommen ist, kann er sich nicht erklären. Als seine Erinnerungen jedoch langsam zurückkommen, stellt sich heraus, dass er ein Lehrer und Doktor der Naturwissenschaft ist. Er findet sich als letztes Mitglied einer Mission wieder, welche die Menschheit und eigentlich sogar das ganze Universum retten soll. Denn eine unerklärliche Substanz verbraucht unsere und andere Sonnen und bedroht somit jegliche Lebensformen. 

Die Welt steht am Kipppunkt und Hollywood führt uns mal wieder unsere Endlichkeit vor Augen. Wie ginge das besser als in der Unendlichkeit des Weltraums? Es ist die Steilvorlage, um ein schlechtes Gewissen zu erzeugen. Doch Der Astronaut hat das nicht zum Ziel. Vielmehr gab es bislang kaum einen Science-Fiction-Film, der herzlicher war.

Der Astronaut schafft eine einzigartige Atmosphäre, indem die Leerstellen des Raumes durch Menschlichkeit gefüllt werden. Ryan Goslings Lehrerfigur ist widerwillig Teil des Projekts. In der Wissenschaft konnte er durch gewagte Thesen keinen Fuß fassen. Doch seine Leidenschaft brennt weiter, nun eben im Klassenzimmer. Er schafft Räume der Begegnung, wenn bei den Kindern Angst vor dem sich anbahnenden Schicksal aufkommt. 

Grace verkörpert durch seinen Selbstzweifel das Wesen der Wissenschaft. Er stellt sich und die Gegebenheiten infrage, ungeachtet der Konsequenzen. Eine wichtige Fürsprache zur Wissenschaft, deren Faktensuche so sehr in den Verruf geraten ist.

Seine Herzlichkeit entbrennt nicht aus ihm selbst, sondern aus dem Miteinander. Durch den Kontakt mit seinen Schülern, der Projektleiterin Eva Stratt (Sandra Hüller) und ganz besonders in der Begegnung mit einem Wesen einer anderen Zivilisation.

An seinem Zielort stößt er, ebenfalls eher gezwungenermaßen, auf ein anderes Schiff. Trotz großer Unterschiede wird Kontakt aufgenommen. Geeint von dem Ziel, das Universum zu retten. Es sind die lustigsten und gleichzeitig dramatischsten Momente des Sci-Fi-Kinos, die durch jenes Zweiergespann entstehen. Wir fiebern mit, wie an Lösungen für die sprachlichen Probleme getüftelt wird, lachen über geteilten Humor und haben überraschend viel Liebe für dieses so unbestimmte Wesen.

Die Findung einer gemeinsamen Sprache und eines gemeinsamen Tones wird auf unterschiedlichen Ebenen der Narration verhandelt. Der Astronaut verwebt diese Themen in einen einzigartigen Genre-Mix. So ziemlich jede Emotion wird innerhalb der gut zweieinhalb Stunden herausgefordert und dennoch geht man erleichtert und geerdet aus dem Kino.

Der Astronaut ist schon am Starttag ein Sci-Fi-Klassiker. Ryan Gosling und Sandra Hüller spielen Bestleistungen und die Bilder des Kameramanns Greig Fraser sind gewohnt monumental. Vieles lässt sich über diesen Film sagen, doch in Kürze: Nie waren die Leerstellen des Weltraums so erfüllend.

Poster zu Der Astronaut mit dem Schriftzug und im Hintergrund bunte Linien des Weltalls
© Sony
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Nils Zehnder
Nils Zehnder

Nils studiert Medien- und Kommunikationswissenschaft. Er schreibt seit Jahren freiberuflich über Filme und Serien und betreibt seit 2023 Filmkritik.net

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