Im Horror begegnen wir aus sicherer Distanz unseren größten Urängsten. Orte der Geborgenheit werden maximal entfremdet. Das Böse wird meist durch Killer oder übernatürliche Phänomene personifiziert. In Backrooms hingegen wird der Raum selbst emotional aufgeladen; doch dafür muss er erst entladen werden.
Backrooms greift das gleichnamige Internet-Phänomen auf, welches erst vor wenigen Jahren entstand, als 2019 auf 4Chan ein Bild geteilt wurde. Darauf zu sehen ist ein gelbtapezierter Raum. Vordergründig ist darin nichts zu sehen und doch kommen Neugier und gleichzeitig ein Gefühl des Unbehagens auf. Das Internet entwickelte daraus eine große Mythologie.
Das zugrunde liegende Konzept ist jedoch weitaus länger bekannt. Arnold Van Gennep und Victor Turner prägten den Begriff der Liminalität schon 1909 und 1969 zur Beschreibung von Übergangszuständen. Damals beschäftigten sie sich jedoch nur mit menschlichen Zuständen. Die Backrooms machen daraus liminale Räume, also Orte des Übergangs. Sie ähneln bekannten Orten, weichen aber durch vereinzelte Details und Anomalien von diesen ab. Die Abweichungen in Verbindung mit der Projektionsfläche des Unbekannten sorgen für dieses besondere Unwohlsein.
Vor vier Jahren adaptierte Kane Parsons diese Idee als eine YouTube-Serie. Er veröffentlichte einzelne Clips, die pseudodokumentarisch die Backrooms festhielten. Diese Aufnahmen schuf der damals 16-Jährige mit dem 3D-Programm Blender. Die verrauschte VHS-Optik machte dabei kaum erkennbar, dass es sich um digital erstelltes Material handelte. Während klassischer Horror durch Paranomales eine Distanz aufbaut, könnten Backrooms hinter jeder Wand lauern. Nun wurde daraus ein Spielfilm, der einerseits das Mysteriöse beibehalten, andererseits aber auch eine ausreichende Handlung bieten muss.
Die Backrooms im Untergeschoss
Clark (Chiwetel Ejiofor) leitet ein erfolgloses Möbelgeschäft, das notgedrungen auch sein Zuhause ist. Nach merkwürdigen Stromproblemen entdeckt er im Untergeschoss eine unsichtbare Tür. Dahinter verbirgt sich ein endlos erscheinendes System aus Räumen, das er fortan näher untersucht. Bald schon kann er sich davon jedoch nicht mehr lösen.
Mysteriöse Found-Footage-Clips in eine klassische Hollywood-Narrative zu zwängen, klingt nach einer unfassbar schlechten Idee. Kane Parsons ist es jedoch gelungen, sowohl für Neueinsteiger eine interessante Geschichte aufzubauen als auch gleichzeitig diese Welt nicht zu entzaubern.
Hierzu wird neben dem Möbelladenbesitzer Clark auch dessen Therapeutin Mary (Renate Reinsve) eingeführt. Aus den Bedeutungszuschreibungen ergibt sich zumindest eine Teilgewissheit: Die Backrooms stellen im Film eine Art Horror-Déjà-vu, eine Verbildlichung der Psyche, dar. Im Verlauf des Films werden jedoch einige Zerstreuungen eingebaut, sodass keine endgültige Deutung erzwungen wird.
Visuell bleibt die Verfilmung sehr nah an Parsons YouTube-Serie. Verwinkelte Räume, abgeschnittene Möbel, die im Boden oder in den Wänden zu versinken scheinen, und weitere Absurditäten reihen sich aneinander. Es fällt leicht, sich in diesem Labyrinth zu verlieren, wobei es trotz der gewollten Monotonie nie eintönig wird. Im späteren Verlauf schafft Backrooms sogar gänzlich neue liminale Räume, die wir so noch nie gesehen haben und die das Prinzip aufs neue ausreizen.
Backrooms ist ein überaus gelungenes Spielfilmdebüt. Der Horror zieht ab der Anfangssequenz in den Bann und hält bis zuletzt an. Die beiden Hauptdarsteller sorgen für starke Momente, bleiben am Ende dennoch die größte Schwäche des Films. Sie sind vor allem ein Vehikel für den Grusel und verbleiben bei einer prototypischen Zeichnung. Trotz dieser Zweckmäßigkeit erzeugt der Film durch sein einzigartiges Setting eine ungleiche Sogwirkung, die sich perfekt in anthologischen Erzählungen ausweiten liese.


