Arrested Memory – Kritik: Eine Actionkomödie auf den Spuren von High and Low

Arrested Memory konfrontiert uns mit einem Polizisten, der mit einer frühen Demenz zu kämpfen hat. Der Actionfilm ist dabei eines der größten Highlights des Filmfestivals von Venedig geworden.

Detektive wie Sherlock Holmes prägen unser Bild von Ermittlungen. Kleinste Details werden wahrgenommen, kontextualisiert und der Täter wird überführt. Die BBC-Serie als auch Guy Ritchies Filme haben daher stark mit der Visualisierung dieser Ermittlung gearbeitet. Wie das Gegenteil davon aussieht, zeigt uns nun Arrested Memory.

Der taiwanesische Schauspieler Ethan Juan spielt den Polizeikommissar Lee. Gerade hat er eine Demenzdiagnose erhalten, als er in ein neues Revier versetzt wird. Noch bevor er seine Kollegen kennenlernt und ihnen davon berichten kann, wird er einem großen Fall zugewiesen: Der Sohn eines lokalen Großunternehmers wurde entführt.

Etliche Millionen sind gefordert, weshalb sich Lee als der Unternehmer ausgibt, um die Übergabe durchzuführen. Doch gerade, als er sich auf den Weg macht, schlägt seine Vergesslichkeit zu. Er hat keine Erinnerung, wer er ist, was er tut, und irrt durch Taipeh. Seine Kollegen vermuten derweil ein Komplott und nehmen die Verfolgung auf.

Schon die Beschreibung des Inhalts dürfte Erinnerungen wecken: Arrested Memory ist gespickt mit etlichen Referenzen auf Akira Kurosawas High and Low (Deutscher Titel: Zwischen Himmel und Hölle). Ein Großunternehmer, eine Entführung, eine Villa mit bald schon geschlossenen Vorhängen und auch die Droge Meth spielen eine Rolle. Regisseur Sabu hat viele Referenzen auf den Kultklassiker in seinen Film verwoben und setzt sie gekonnt ein. Er macht daraus eine herrliche Überspitzung, die vor allem einer großen Verneigung gleichkommt.

Sabu hat den Film bereits seit 20 Jahren geplant, das Drehbuch schrieb er schon 2007, doch erst jetzt kam es zur Umsetzung. Die damals immer häufigere Demenzerkrankung in Japan inspirierte den Regisseur. Vollkommen zu Recht. Schließlich bringt sie eine Unschuld in das sonst so verruchte Subgenre der abgewrackten Cops. Noch dazu eine Ungewissheit, schließlich weiß nicht mal der Protagonist selbst, was als Nächstes passiert.

Arrested Memory spielt mit einem ernsten Thema, schafft es aber trotzdem, gleichermaßen actiongeladen wie auch irrwitzig zu sein. Die Action ist stark choreografiert und auf den Punkt gebracht. Der komödiantische Teil erwächst aus unmöglichen Situationen, die durch die Krankheit ermöglicht werden. So wie durch eine zweite Perspektive.

Regelmäßig verlassen wir Lees Irrweg und wechseln zu der Familie und den Kollegen in der Villa. Diese versuchen derweil verzweifelt, herauszufinden, was eigentlich los ist und haben dabei ungeahnte Hilfe eines Straftäters, der die planlos agierenden Polizisten in Taktik und Ausübung lachhaft macht. Dadurch entstehen Dynamiken, die fast schon einer Antithese zu der so realistischen Polizeiarbeit aus High and Low gleichen.

Arrested Memory ist ein Geheimtipp des Filmfestivals in Venedig. Wie kaum ein anderer Filmemacher beherrscht Sabu das Genre der Actionkomödie. Leichtfüßig, schlagkräftig und mit den richtigen emotionalen Momenten trägt der Regisseur durch die 87 Minuten Laufzeit. 

Arrested Memory wurde im Rahmen des Filmfestivals in Venedig gesichtet. Ein deutscher Kinostarttermin ist noch ausstehend.

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Nils Zehnder
Nils Zehnder

Nils studiert Medien- und Kommunikationswissenschaft. Er schreibt seit Jahren freiberuflich über Filme und Serien und betreibt seit 2023 Filmkritik.net

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